„Bitte, geh doch einfach in die Schule.“ Diesen Satz habe ich in den vergangenen Monaten unzählige Male gesagt. Manchmal freundlich. Manchmal flehend. Manchmal genervt. Und manchmal mit Tränen in den Augen. Ich habe geredet, getröstet, gut zugeredet, Druck gemacht, Belohnungen versprochen und Konsequenzen angedroht. Und trotzdem konnte mein Sohn einfach nicht mehr in die Schule gehen.
Bevor es uns selbst betraf, hatte ich schon einmal davon gehört, dass es sogenannte „Schulverweigerer“ gibt. Ich ging immer davon aus, dass dieses Thema vor allem Familien mit sogenannten schwierigen Familienverhältnissen betrifft. Seit wir selbst damit konfrontiert sind, frage ich mich: Sind wir eine Familie mit schwierigen Familienverhältnissen? Haben wir etwas falsch gemacht? Sind wir schuld daran, dass unser Sohn nicht mehr in die Schule gehen kann?
Und gleichzeitig frage ich mich, warum es in Bayern so wenig Verständnis und Unterstützung für dieses Thema gibt. Da ich das Gefühl habe, dass über Schulverweigerung in unserer Gesellschaft noch immer viel zu wenig gesprochen wird, möchte ich unsere Geschichte erzählen.
Nicht als Expertin, sondern als Mutter, die selbst mitten in dieser Situation steckt und versucht, ihren Sohn zu verstehen und den richtigen Weg für ihn zu finden. Vielleicht hilft unsere Geschichte anderen Eltern, die plötzlich vor denselben Fragen stehen.
Es begann nach den Faschingsferien
Mein Sohn besuchte die 5. Klasse und war im Herbst von der Grundschule auf das Gymnasium gewechselt. Zunächst schien dieser Wechsel recht unproblematisch zu verlaufen. Er war gemeinsam mit drei Freunden aus der Grundschule in dieselbe Klasse gekommen. Der erste Schritt war also geschafft.
Grundsätzlich lebte er sich gut ein. Allerdings war schon von Anfang an deutlich zu spüren, dass er nicht besonders begeistert davon war, was die Lehrer nun alles von ihm erwarteten: selbstständiges Arbeiten, Aufgaben organisieren und Verantwortung für den eigenen Lernerfolg übernehmen. Diese Dinge kamen für uns nicht überraschend. Wir kannten sie bereits von seinen drei älteren Geschwistern, die ebenfalls das Gymnasium besuchen. Deshalb machte uns seine Abneigung zunächst auch keine großen Sorgen.
Auf das, was dann kam, waren wir allerdings überhaupt nicht vorbereitet. Es begann nach den Faschingsferien Ende Februar. Unser Sohn weigerte sich plötzlich von einem Tag auf den anderen, in die Schule zu gehen. Wir waren machtlos. Jeden Morgen bot sich dasselbe Bild: Er weigerte sich aufzustehen und sagte uns, dass er nicht in die Schule gehen werde. Wenn wir nach dem Grund fragten, kam meist nur eine Antwort: „Weil Schule kacke ist.“
Wir versuchten gemeinsam mit verschiedenen Lehrern herauszufinden, was dahinterstecken könnte. Doch wir fanden keine Ursache. Laut Klassenlehrer war unser Sohn im Verhalten absolut unauffällig. Es gab keine Hinweise auf Mobbing oder andere konkrete Vorfälle. Auch die Eltern seiner Freunde konnten uns keinen Anhaltspunkt geben.
Wir standen plötzlich vor einer Situation, auf die uns niemand vorbereitet hatte. Wie sollten wir damit umgehen? In den ersten zwei bis drei Wochen verfielen wir eher in einen Panikmodus, als dass wir ruhig und überlegt handeln konnten. Wir fragten uns ständig: Wie kann es sein, dass unser Sohn die Schule verweigert? Haben wir in der Erziehung etwas falsch gemacht? Wir fühlten uns schuldig. Und wir fühlten uns allein verantwortlich.
Also versuchten wir zunächst alles, was uns einfiel, um unseren Sohn wieder in die Schule zu bekommen. Wir redeten auf ihn ein, wurden ärgerlich, wenn es wieder nicht klappte, versprachen Belohnungen und setzten ihn unter Druck. Unter anderem drohten wir ihm damit, seine Handyzeit zu kürzen oder gar ganz zu streichen. Nichts davon half. Im Gegenteil: Die meisten unserer Maßnahmen waren kontraproduktiv und verschlimmerten die Situation, wie wir erkennen mussten.
Der Versuch eines Erstgesprächs mit einem Psychotherapeuten
Wir suchten Hilfe bei der Schulpsychologin. Sie gab uns Telefonnummern und E-Mail-Adressen verschiedener Psychotherapeuten und riet uns, mit unserem Sohn bei einem Kinder- und Jugendpsychiater vorstellig zu werden. Außerdem sollten wir einen Termin bei unserem Kinderarzt vereinbaren. Sie gab uns auch den Tipp, morgens gemeinsam mit unserem Sohn zur Schule zu gehen oder zu fahren, damit er Schritt für Schritt wieder den Weg in die Schule schaffen könnte.
Da ich aus Erfahrung bereits wusste, wie schwierig es ist, einen Therapieplatz oder zeitnah einen Termin bei einem Kinder- und Jugendpsychiater zu bekommen, begann ich sofort damit, zahlreiche E-Mails zu verschicken. Wie erwartet, kamen schnell die ersten Absagen. Aber ich wusste: Ich musste hartnäckig bleiben. Nach einigen Tagen erhielt ich tatsächlich eine positive Rückmeldung von einem Psychotherapeuten im Nachbarort. Er bot uns einen Termin zum Erstgespräch an.
Als ich meinem Sohn davon erzählte, reagierte er sofort ablehnend: „Da gehe ich nicht hin!“ Ich gab nicht auf. Ich versuchte, ihn zu überreden, und am Tag des Termins versuchte ich, ihn ins Auto zu bekommen. Es half nichts. Er stieg nicht ein. Ich konnte machen, was ich wollte.
Meine älteste Tochter, die selbst schon Erfahrungen mit Psychotherapie-Terminen hatte, bot mir schließlich ihre Hilfe an. Sie wollte mit ihrem jüngeren Bruder sprechen und versuchen, ihn davon zu überzeugen, mitzugehen. Also vereinbarte ich einen neuen Termin. Diesmal schafften wir es tatsächlich zu dritt in die Praxis, nach großen Anstrengungen.
Das Erstgespräch verlief aus meiner Sicht gut. Aus Sicht meines Sohnes offenbar nicht. Er weigerte sich anschließend strikt, weitere Termine wahrzunehmen. Es war ein Tiefschlag. Was sollten wir tun, wenn unser Sohn sich weigerte, Hilfe anzunehmen?
Feste Regeln für den Tagesablauf
Nachdem ich mich von diesem Rückschlag etwas erholt hatte, beschloss ich, den Tagesablauf und die Regeln für meinen Sohn zu verändern. Da er es zu diesem Zeitpunkt nicht einmal schaffte, morgens aufzustehen, war genau das die erste wichtige Regel: Auch wenn er es nicht schaffen sollte, in die Schule zu gehen, musste er aufstehen, frühstücken und sich für die Schule fertig machen.
Es war ein großer Kraftakt, diese neuen Regeln durchzusetzen. Ich redete viel mit meinem Sohn. Viel Feedback bekam ich von ihm nicht. Aber langsam machten wir kleine Fortschritte. Es klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit, aber irgendwann schafften wir es, dass ich ihn jeden Morgen mit dem Auto zur Schule fuhr, mit ihm ausstieg und gemeinsam einige Schritte in Richtung Schule ging. Leider schaffte er es trotzdem nicht, das Schulgebäude zu betreten.
Was sollte ich also tun? Ich erinnerte mich an die Schulpsychologin, die davon gesprochen hatte, dass Schülerinnen und Schüler mit Problemen möglicherweise über einen Wiedereingliederungsplan zunächst nur stundenweise die Schule besuchen können. Also machte ich meinem Sohn einen Vorschlag: Ich würde ihn nach den ersten beiden Unterrichtsstunden wieder abholen.
Nach zwei oder drei Tagen nahm er dieses Angebot tatsächlich an. Nach mehreren Wochen Schulabstinenz ging mein Sohn das erste Mal für zwei Stunden Englisch wieder in die Schule. Ich war unglaublich erleichtert. Und vor allem war ich froh, dass er diesen kleinen Schritt geschafft hatte. Es war mir wichtig, dass er den Bezug zur Schule nicht vollständig verlor.
Ich holte ihn nach den beiden Stunden wieder ab und informierte das Sekretariat. Die Mitarbeiterinnen dort waren von meinem Vorgehen etwas überrascht. Aber das war mir in diesem Moment egal. Lieber ging mein Sohn zwei Unterrichtsstunden in die Schule als gar keine.
Natürlich hoffte ich, dass wir die Anzahl der Stunden nach und nach steigern könnten. Vielleicht würde er irgendwann wieder ganze Schultage schaffen. Doch so weit kam es bis zum Ende des Schuljahres nicht. An vielen Tagen schaffte er zwei Unterrichtsstunden. Wenn die ersten beiden Stunden Sport waren, manchmal auch vier. Und an manchen Tagen schaffte er es nach wie vor überhaupt nicht in die Schule.
Gleichzeitig gerieten wir immer stärker unter Druck.
Schulpflicht und immer mehr Druck
Die Schulleitung machte uns darauf aufmerksam, dass in Bayern Schulpflicht gilt. Natürlich wissen wir, dass Schulpflicht besteht und dass man nicht einfach nach Belieben der Schule fernbleiben kann.
Wir erhielten ein Schreiben der Schule, in dem wir aufgefordert wurden, für jede einzelne Fehlstunde eine Krankmeldung vorzulegen. Aber wie sollten wir das bewerkstelligen?
Wir hatten inzwischen nach langem Suchen endlich einen Termin bei einem Kinder- und Jugendpsychiater bekommen. Dieser sollte in den Pfingstferien stattfinden. Aber wir hatten noch keine Diagnose. Und damit hatten wir auch keinen Arzt, der uns die vielen Fehlstunden bescheinigen konnte. Wir befanden uns in einem Kreislauf, aus dem wir kaum herauskamen.
Termin beim Kinderpsychiater in der Klinik
Mitte April hatten wir einen Termin bei unserer Kinderärztin. Auch dorthin wollte unser Sohn zunächst nicht. Es kostete mich große Überredungskünste, ihn überhaupt ins Auto zu bekommen und anschließend dazu zu bringen, im Wartezimmer sitzen zu bleiben.
Als wir schließlich im Sprechzimmer waren, sprach er nicht mit der Ärztin. Das hatte er mir vorher bereits angekündigt. Also übernahm ich das Gespräch. Die Ärztin war freundlich und hilfsbereit. Da der früheste Termin bei einer kinderpsychiatrischen Praxis, den ich finden konnte, erst Anfang Juni in den Pfingstferien stattfinden sollte, versuchte sie, einen früheren Termin in einer ambulanten Sprechstunde einer Klinik zur kinder- und jugendpsychiatrischen Abklärung zu bekommen.
Sie telefonierte mit verschiedenen Stellen und konnte tatsächlich einen Termin Ende April für uns organisieren. Ich war sehr dankbar, dass sie uns half. Doch unser Sohn änderte seine Meinung bezüglich Arztterminen nicht. Auch für diesen Termin war es wieder ein Kraftakt, ihn überhaupt dazu zu bringen, mit in die Klinik zu fahren und dort so lange im Wartebereich auszuhalten, bis wir an der Reihe waren.
Ich war erleichtert, als wir es schließlich überhaupt bis ins Sprechzimmer geschafft hatten. Und dann kam etwas, das mich bis heute fassungslos macht. Da mein Sohn nicht sprechen wollte, erzählte ich der Ärztin erneut so ausführlich wie möglich unsere gesamte Geschichte und beantwortete ihre Fragen. Ich erklärte ihr auch, wie schwer es meinem Sohn überhaupt fiel, zu einem Arzttermin zu gehen.
Sie sah sich die Grundschulzeugnisse meines Sohnes an und kam zu dem Schluss, dass es aus ihrer Sicht notwendig sei, dass mein Sohn einige Wochen stationär in einer kinderpsychiatrischen Station behandelt werden müsse. Unter anderem begründete sie dies damit, dass mein Sohn nicht bereit war, mit ihr zu sprechen.
Bei mir gingen sofort alle Alarmglocken an. Ich hatte meinen Sohn gerade mit größter Anstrengung dazu gebracht, freiwillig in eine ambulante Sprechstunde zu kommen. Wie sollte ich ihn dazu bringen, mehrere Wochen in einer Klinik zu verbringen, ohne seine Eltern?
Ich teilte der Ärztin meine Bedenken mit. Daraufhin sagte sie sinngemäß, dass mein Sohn schließlich nicht der Erste wäre, der nicht freiwillig in eine Klinik wolle. Die Mitarbeiter vor Ort würden schon wissen, was zu tun sei. Und außerdem würden es sich manche Schulverweigerer in einer solchen Situation noch einmal anders überlegen und plötzlich doch wieder in die Schule gehen.
Ich war sprachlos. Und geschockt. Man konnte mir das vermutlich deutlich ansehen. Ich wusste, dass mein Sohn nicht aus Spaß nicht in die Schule ging. Ich hatte bereits unzählige Dinge ausprobiert. Ich hatte gesehen, wie schwer ihm die Situation fiel. Ich wusste, dass er nicht einfach keine Lust hatte.
Die Ärztin gab mir noch einen Zettel mit einer Telefonnummer und einer Ansprechpartnerin an einem anderen Standort der Klinik. Dann war das Gespräch beendet.
Als mein Sohn und ich wieder im Auto saßen, nahm ich ihn einfach nur in den Arm. Mir kamen die Tränen. Er wollte nur nach Hause. Also fuhren wir nach Hause.
Dort war ich völlig aufgelöst und zunächst kaum handlungsfähig. Als mein Mann nach Hause kam, erzählte ich ihm kurz, was passiert war. Seine erste Reaktion war: Vielleicht hat die Ärztin ja recht. Ich widersprach ihm heftig. Nein. Mein Gefühl sagte mir ganz eindeutig: Nein.
Ich konnte meinen Sohn nicht dazu zwingen, in eine Klinik zu gehen. Er gefährdete weder andere noch sich selbst. Warum sollte ich ihn dann gegen seinen Willen in eine Klinik bringen, obwohl doch ganz offensichtlich war, wie große Probleme er bereits mit Arztterminen und unbekannten Situationen hatte?
Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich sein psychischer Zustand durch solch eine Maßnahme verbessern würde. Im Gegenteil. Ich hatte Angst, dass dadurch sein Vertrauen in mich und unsere Beziehung nachhaltig beschädigt werden könnten. Dass mein Mann das zunächst nicht genauso sah, machte mich noch fassungsloser. Ich fühlte mich noch mehr allein gelassen.
Doch gleichzeitig entstand in mir immer stärker das Gefühl: Dann muss ich eben für meinen Sohn kämpfen. Für mich lag auf der Hand, dass mein Sohn viel Zeit und eine gute psychotherapeutische Unterstützung brauchte. Warum sollte ich ihn zusätzlich unter Druck setzen und zu etwas zwingen, das ihn möglicherweise noch weiter verstört? Nur weil er nicht in unser Schulsystem passt?
Ich war und bin mir zu hundert Prozent sicher: Mein Sohn verweigert die Schule nicht aus Spaß oder Faulheit. Im Gegenteil. Er selbst wünscht sich, dass er sich genauso anpassen könnte wie seine Freunde und Mitschüler.
Suche nach einer alternativen Schule
Ich beschloss, mich intensiv auf die Suche nach einer alternativen Schule zu machen. Auch wenn mich das viel Zeit und Kraft kosten würde. Kraft, die ich eigentlich dringend für andere Dinge brauchte. Immerhin waren da noch fünf weitere Kinder, die meine Aufmerksamkeit und Unterstützung benötigten.
Ich ließ meinen Job in der Firma meines Mannes, den ich eigentlich gerne mache, zunächst liegen und schrieb Bewerbungen für drei Montessorischulen und eine Waldorfschule. Die Bewerbungen für diese Privatschulen waren teilweise sehr umfangreich. Fotos mussten beigefügt, verschiedene Fragen beantwortet und teilweise sogar kleine Kunstwerke des Kindes eingereicht werden.
Wir besuchten sogenannte Quereinsteiger-Elternabende an den Montessorischulen. Das Konzept überzeugte mich. Doch die Schulen machten uns wenig Hoffnung, dass in absehbarer Zeit ein Platz frei werden würde. Bei den Elternabenden traf ich viele ähnlich verzweifelte Eltern, die ebenfalls auf einen Schulplatz warteten.
Dann kam Ende Juni endlich der ersehnte Anruf einer der Montessorischulen: Mein Sohn durfte zum Probeunterricht kommen. Unsere Hoffnung war groß. Ich hatte ein gutes Gefühl und dachte, dass mein Sohn sich an dieser Schule vielleicht wohlfühlen könnte.
Doch Anfang Juli kam der nächste Schock: Die Schule hatte sich aus pädagogischen Gründen gegen eine Aufnahme meines Sohnes entschieden. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ich hatte so große Hoffnungen in diesen Schulwechsel gesetzt.
Detaillierte Gründe nannte uns die Schule nicht. Aber ich konnte mir denken, was eine Rolle gespielt haben könnte. Der Tag des Probeunterrichts war alles andere als einfach verlaufen. Mein Sohn brauchte sehr lange und viel Überredung, bevor er überhaupt in die Klasse ging. Ich musste ihn begleiten und auch dort bleiben, weil er nicht wollte, dass ich gehe.
Trotzdem gab es an diesem Tag etwas, das mir Hoffnung machte: Während des Unterrichts taute mein Sohn langsam auf. Er kam mit einem anderen Jungen ins Gespräch. Gespräche sind an dieser Schule während des Unterrichts erlaubt. Auch beim anschließenden Elterngespräch, an dem mein Sohn teilnahm, antwortete er selbstbewusst auf die Fragen der Lehrer. Das ist für ihn keineswegs selbstverständlich.
Vielleicht spielte aber auch ein weiteres Thema eine Rolle: Während des Probeunterrichts löste mein Sohn nur die Mathematikaufgabe. Die Deutschaufgabe ließ er liegen, weil ihm Deutsch schlicht schwerer fällt und er keine Lust darauf hatte.
Einerseits konnte ich die Entscheidung der Schule nachvollziehen. Andererseits konnte ich sie überhaupt nicht verstehen. Wie soll man sich nach einer einzigen Probestunde ein wirkliches Bild von einem Kind machen können? Ich rief bei der Schule an und bat um eine zweite Chance. Leider wurde ich sehr unfreundlich abgewimmelt. Auch in diesem Telefonat bekam ich keine wirkliche Antwort darauf, warum mein Sohn abgelehnt worden war.
Es war zum Verzweifeln. Wieder ein Tiefschlag, den ich erst einmal verkraften musste.
Endlich ein Kinderpsychiatrische Praxis, die meinen Sohn testet
Inzwischen arbeiteten wir weiter daran, eine kinderpsychiatrische Praxis zu finden, die bereit war, sich auf meinen Sohn einzulassen und mithilfe entsprechender Tests herauszufinden, was hinter seinen psychischen Problemen steckt. Unsere Hoffnung lag nun auf dem Termin in den Pfingstferien.
Diesmal beschloss ich, meinen Mann mit einzubeziehen. Ich bat ihn, mit zu dem Termin zu kommen. So war auch er stärker eingebunden und die Last lag nicht mehr ganz allein auf meinen Schultern. Wieder mussten wir unsere gesamte Überredungskunst aufbringen, um unseren Sohn überhaupt ins Auto zu bekommen. Und auch diesmal wollte er mit dem behandelnden Psychotherapeuten nicht sprechen.
Doch diese kinderpsychiatrische Praxis erklärte sich bereit, weitere Termine mit unserem Sohn zu vereinbaren, um entsprechende Tests durchzuführen. Zwei dieser Folgetermine hat mein Sohn inzwischen erfolgreich geschafft. Auch dafür mussten wir jedes Mal wieder viel Überzeugungsarbeit leisten. Aber er schaffte es. Jeweils 45 Minuten saß er mit dem Therapeuten zusammen, ohne seine Eltern.
Für uns mag das nach wenig klingen. Für meinen Sohn war es ein großer Schritt. Ein kleiner Schritt auf einem vermutlich noch langen Weg.
Zwei Termine stehen noch aus. Das Abschlussgespräch wird erst Ende Oktober stattfinden.
Wie sollen wir weitermachen?
Und damit standen wir vor der Frage: Wie überbrücken wir die Zeit bis Ende Oktober? Wie soll es im kommenden Schuljahr weitergehen?
Nachdem die Montessorischule meinen Sohn abgelehnt hatte, stellte sich die Frage, wie es an einer Regelschule weitergehen sollte. Sollte er auf dem Gymnasium bleiben? Muss er die 5. Klasse wiederholen? Würde die Schule ihn trotz der vielen Fehltage in die 6. Klasse versetzen? Sein Notendurchschnitt hätte dafür ausgereicht. Aber was sollte mit den vielen unentschuldigten Fehltagen passieren?
Wir führten mehrere Gespräche mit der Schulpsychologin und der Schulleitung. Es war nicht leicht, die Schulleitung davon zu überzeugen, dass es für die Psyche unseres Sohnes besser wäre, wenn er die 5. Klasse nicht wiederholen müsste. Eine Wiederholung hätte aus meiner Sicht seinem ohnehin angeschlagenen Selbstwertgefühl weiter geschadet. Außerdem hätte er seinen Freundeskreis in der Klasse verloren.
Unser Ansprechpartner aus der Schulleitung stellte in verschiedenen Gesprächen immer wieder die Vermutung in den Raum, dass unser Sohn absichtlich nicht in die Schule gehe und schlicht keine Lust habe. Diese Unterstellung tat weh. Denn sie bedeutet für meine Sohn letztlich: Mit dir stimmt etwas nicht. Du bist selbst schuld an der Situation. Ich hätte von einem Pädagogen einen anderen Umgang mit solchen Situationen erwartet. Aber mittlerweile hatte ich mich an derlei Aussagen schon gewöhnt. Zum Glück teilte die Schulpsychologin diese Einschätzung nicht.
Wir erklärten immer wieder, was wir unternahmen, damit unser Sohn den Weg zurück in die Schule schaffen konnte. Wir beschrieben, welche Symptome er zeigte, wenn wir zu viel Druck auf ihn ausübten: dass er abends nicht mehr einschlafen konnte, dass er anfing zu weinen und sich sein Gesamtzustand deutlich verschlechterte. Am Ende stimmte die Schulleitung der Versetzung unseres Sohnes in die 6. Klasse zu.
Trotzdem blieb die Frage: Wäre ein Wechsel auf die Realschule vielleicht eine Chance? Mein Mann und ich waren uns zunächst einig, dass auch diese Schulform wahrscheinlich nicht grundsätzlich etwas an der Situation ändern würde. Der Unterrichtsstoff wäre zwar einfacher, aber die Unterrichtsform und die Leistungsnachweise wären im Grunde dieselben.
Trotzdem gab es zwei Punkte, die mich schließlich dazu brachten, einen Wechsel auf unsere örtliche Realschule ernsthaft in Betracht zu ziehen. Zum einen besuchte der beste Freund unseres Sohnes aus Grundschulzeiten diese Schule. Zum anderen versetzte mich allein die Vorstellung, dass mein Sohn in der 6. Klasse auf dem Gymnasium eine zweite Fremdsprache, Französisch, lernen sollte, in Alarmbereitschaft.
Wie sollte ich ihn dazu bringen, sich hinzusetzen und Französisch-Vokabeln und Grammatik zu lernen, wenn es bereits jetzt kaum möglich war, ihn überhaupt zum Lernen zu bewegen? Die notwendigen Leistungen in der 5. Klasse hatte er keineswegs durch fleißiges Lernen erbracht. In Englisch konnte er auf die Kenntnisse zurückgreifen, die er während unseres halbjährigen Kanadaaufenthalts zwei Jahre zuvor erworben hatte. Mathematik fiel ihm leicht. Und in Deutsch konnte man sich irgendwie durchmogeln.
Also beschloss ich, den Schritt zu wagen. Ich sprach mit meinem Sohn darüber. Er stimmte grundsätzlich zu in die Realschule zu wechseln, unter einer Bedingung: Er wollte mit seinem Freund in eine Klasse kommen. Ich besorgte vom Kinderpsychiater ein Schreiben, in dem empfohlen wurde, unseren Sohn möglichst in eine Klasse mit bereits bekannten Mitschülern einzuteilen.
Und tatsächlich: Es klappte. Mein Sohn wurde in die richtige Klasse eingeteilt.
Endlich Ferien
Endlich Sommerferien. Sechs Wochen schulfrei. Es war eine Wohltat. Ich musste morgens kein Kind wecken, es zum Aufstehen bewegen und anschließend versuchen, es dazu zu bringen, zur Schule zu gehen. Das vergangene Schuljahr war eine Qual gewesen. Mit solchen Problemen hatte ich niemals gerechnet. Die Ferien taten uns allen gut.
Endlich konnte auch ich mich wieder den ganz normalen Dingen des Alltags widmen: Freunde treffen, in der Firma meines Mannes arbeiten, den Haushalt erledigen, Ausflüge machen. Ich konnte richtig spüren, wie die Last für eine Weile von mir abfiel. Sechs Wochen lang musste ich mich nicht um Termine bei Schulpsychologen, Schulleitern und Psychiatern kümmern.
Ich musste nicht bei der Schule anrufen und eines meiner Kinder wieder einmal krankmelden. Ich musste nicht zum Kinderarzt gehen und um eine Krankheitsbescheinigung bitten. Ich musste keine Elternbriefe lesen und darauf achten, bloß keinen Termin zu verpassen.
Und diese Liste könnte ich wahrscheinlich noch lange fortsetzen.
Aber leider war es nur eine Pause.
Ein neues Schuljahr beginnt
Nach den Sommerferien ging der Kampf weiter.
Für viele Eltern bedeutet der Beginn eines neuen Schuljahres vor allem, Schulmaterial zu besorgen, neue Sportschuhe und Hausschuhe zu kaufen, den Schulranzen zu kontrollieren und vieles mehr.
Ich dachte mir: Wenn das bei uns dieses Jahr alles wäre, wäre ich wirklich heilfroh. Denn bei uns standen zusätzlich zwei Schulwechsel und ein Kindergartenwechsel auf der Liste.
Schon organisatorisch war das eine Herausforderung. Und dann waren da natürlich noch die Schwierigkeiten unseres Sohnes. Wir beschlossen, dass mein Mann unseren Sohn am ersten Schultag in die neue Realschule begleiten würde. Ich würde unsere Viertklässlerin in ihre neue Schule bringen.
Da ich im vergangenen Schuljahr hauptsächlich dafür verantwortlich gewesen war, unseren Sohn dazu zu bringen, wenigstens einige Schulstunden zu schaffen, musste ich meinen Mann genau darauf vorbereiten. Ich wollte nicht, dass er plötzlich ein völlig anderes Konzept verfolgte. Wir waren uns einig, dass die Kontinuität wichtig war.
Wir mussten damit rechnen, dass unser Sohn es am ersten Schultag nicht schaffen würde, die Schule zu betreten. Und wir wussten aus Erfahrung: Großer Druck würde nicht helfen. Im Gegenteil.
Trotzdem hatten wir natürlich ein kleines bisschen Hoffnung, dass die neue Schule vielleicht etwas verändern würde. Dass unser Sohn dort einen neuen Anfang schaffen könnte.
Leider erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Das neue Schuljahr läuft inzwischen seit drei Wochen. Unser Sohn hat es immerhin an fünf Tagen geschafft, in die Schule zu gehen. In der vergangenen Woche war es jedoch nur ein einziger Tag. Und auch diesen schaffte er nur mit großer Überwindung. Trotz unserer ohnehin vorsichtigen Erwartungen war die Enttäuschung groß. Der letzte Rest Hoffnung schwand am vergangenen Freitag.
Obwohl ich ihm gut zugeredet hatte und an diesem Tag sogar zwei Stunden Sport auf dem Stundenplan standen, schaffte er es dennoch nicht, in die Schule zu gehen. Wie so oft standen wir morgens gemeinsam vor der Schule, warteten bis der Gong ertönte, und gingen anschließend wieder nach Hause.
Am Freitag saßen mein Mann und ich deshalb bei der Schulpsychologin der neuen Schule und erzählten die Geschichte unseres Sohnes. Sie war sehr verständnisvoll. Ihr Vorschlag war, es wieder einmal stundenweise zu versuchen. Unser Sohn könne sich sogar selbst aussuchen, welche beiden Stunden er am jeweiligen Tag besuchen möchte. Er könne zu den ersten beiden Stunden kommen oder erst zur dritten und vierten. Und auch das könne von Wochentag zu Wochentag unterschiedlich gehandhabt werden. Das Ziel wäre zunächst einmal ganz einfach: Er soll zumindest jeden Tag in die Schule kommen.
Im ersten Moment klingt das vielversprechend. Doch schon bald stellt sich die entscheidende Frage: Wie soll es danach weitergehen? Denn irgendwann geht es nicht mehr nur darum, zwei Stunden in der Schule zu schaffen, sondern wieder einen ganzen Schultag zu bewältigen. Und gerade bei diesem Gedanken merke ich, dass meine Hoffnung im Moment zunehmend schwindet.
Der Kampf wird weitergehen.
Unser Schulsystem ist kacke, wie mein Sohn sagen würde
Ich frage mich immer wieder: Ist es wirklich richtig, meinen Sohn in ein Schulsystem zu zwingen, das offensichtlich überhaupt nicht zu ihm passt? Natürlich ist mir bewusst, dass nicht allein unser Schulsystem für die psychischen Probleme unseres Sohnes verantwortlich ist. Aber mein Gefühl sagt mir, dass es seine Probleme verstärkt. Und damit stellt sich für mich grundsätzlich eine Frage: Wenn wir in Bayern Schulpflicht haben, trägt dann nicht auch unser Staat eine Verantwortung dafür, Kindern wie meinem Sohn eine echte Alternative zu ermöglichen?
Es ist doch offensichtlich, dass er momentan nicht in der Lage ist, regelmäßig eine Schule zu besuchen. Und ich bin überzeugt davon: Es ist nicht seine Schuld. Warum muss er dann jeden Morgen hören: „Bitte, bitte geh in die Schule.“ Geh in die Schule, die du gerade nicht ertragen kannst. Dieser Gedanke macht mich wütend. Ich glaube, mein Sohn bräuchte eine ganz andere Form von Beschulung.
Im Kindergarten und in der Grundschule ist er zurechtgekommen. Hier könnte man doch ansetzen. Sehr Wahrscheinlich wäre es hilfreich, wenn er eine Form von Betreuung und Förderung bekommen könnte, die stärker auf seine Bedürfnisse eingeht. Auch mein Sohn hat ein Recht auf Teilhabe an unserem Bildungssystem. Aber Teilhabe darf doch nicht bedeuten, dass ein Kind jeden Morgen das Gefühl bekommt, sich selbst überwinden zu müssen, um einen Ort zu betreten, den es nicht ertragen kann.
Uns bleibt vorerst nichts anderes übrig, als weiter für unseren Sohn einzustehen. Weiterzusuchen. Weiterzufragen. Weiterzukämpfen. Und gleichzeitig zu versuchen, dafür zu sorgen, dass seine Kindheit trotz allem nicht nur aus Angst, Druck, Arztterminen und gescheiterten Versuchen besteht. Ich wünsche mir, dass er sich später nicht nur an diese schwierige Zeit erinnert.
Ich wünsche mir, dass er trotz allem auf eine Kindheit zurückblicken kann, in der er sich geliebt, verstanden und angenommen gefühlt hat. Dass er irgendwann lernt, mit seinen psychischen Problemen besser umzugehen. Und dass er eines Tages seinen eigenen Weg findet.
Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, wie mir die Tränen kommen. Es wird ein langer und schwerer Weg. Und manchmal habe ich Angst davor, wie lange ich noch die Kraft haben werde, diesen Weg weiterzugehen.
Denn auch das darf nicht vergessen werden: Wir haben noch fünf weitere Kinder. Auch sie leiden unter dieser Situation. Immer wieder müssen sie hören, dass dieses oder jenes gerade nicht möglich ist, weil die Situation mit ihrem Bruder so viel Zeit, Aufmerksamkeit und Kraft von uns fordert.
Und genau das tut mir weh. Ich möchte für meinen Sohn kämpfen und alles dafür tun, dass es ihm wieder besser geht. Gleichzeitig möchte ich aber nicht aus den Augen verlieren, dass auch meine anderen Kinder mich brauchen. Sie brauchen ihre Mama, und manchmal frage ich mich, wie ich es schaffen soll, für alle da zu sein, ohne dabei selbst irgendwann an meine Grenzen zu kommen.

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