Im vergangenen Schul- und Kindergartenjahr gehörte ein ganz besonderes Ritual zu unserem morgendlichen Alltag: Nach dem Frühstück wartete auf meine jüngeren Kinder jeden Morgen eine Fahrt auf ihrer Bettdecke vom Esstisch ins Umkleide- und Waschzimmer. Der „Bettdecken-Zug“ hatte dabei einen festen Fahrplan. Abfahrt war jeden Morgen um 7:05 Uhr.
Dieses kleine Ritual erhöhte unsere Chancen deutlich, dass wir es schafften, einigermaßen pünktlich um 7:35 Uhr das Haus zu verlassen. Noch wichtiger aber war: Die Kinder hatten am frühen Morgen einen kleinen Moment, auf den sie sich freuen konnten.
Als ich letzte Woche am letzten Schultag vor den Sommerferien früh morgens in der Küche stand und die Brotzeiten vorbereitete, dachte ich darüber nach, wie gut es gewesen war, dieses Ritual eingeführt zu haben. Es ersparte mir viele Diskussionen und das ständige Auffordern, dass es nun wirklich Zeit zum Anziehen und Zähneputzen sei. Deshalb nahm ich mir fest vor, diese morgendliche Routine auch im kommenden Schuljahr beizubehalten. Trotz zweier Schulwechsel und eines Kindergartenwechsels würde es uns vielleicht helfen, den Start in den neuen Alltag etwas leichter zu gestalten.
Das vergangene Schuljahr war für unsere ganze Familie eine große Herausforderung. Hätte mir zu Beginn des Schuljahres jemand erzählt, was alles auf uns zukommen würde, hätte ich ihn wohl ungläubig angesehen. Dass das Schuljahr mit mehreren Kindern am bayerischen Gymnasium und einem Grundschulkind mit ausgeprägter Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) nicht einfach werden würde, war mir bewusst. Doch auf das, was schließlich geschah, war ich nicht vorbereitet. Die Ereignisse trafen mich völlig unvorbereitet. wie ein Schlag in die Magengrube.
Dass die Motivation meiner Grundschultochter, zur Schule zu gehen, auch in der dritten Klasse nicht besonders groß war, überraschte mich zunächst nicht. Ebenso wenig, dass sie, wie schon im Jahr zuvor, morgens immer häufiger über Bauchschmerzen klagte und sich weigerte, zur Schule zu gehen. Jeden Morgen aufs Neue mit ihr diskutieren, sie ermutigen und sie schließlich teilweise in Richtung Schule begleiten zu müssen, war jedoch zunehmend belastend. Damals ahnte ich noch nicht, dass dies erst der Anfang war.
Ende Februar verschärfte sich die Situation schlagartig. Plötzlich weigerte sich auch mein Sohn, der die fünfte Klasse an einem Gymnasium besuchte, morgens aufzustehen und in die Schule zu gehen. Ich redete ihm gut zu, versuchte ihn zu überzeugen, wurde aber auch immer wieder ärgerlich, versprach Belohnungen und setzte ihn unter Druck. Doch nichts zeigte Wirkung. Er ließ sich durch nichts dazu bewegen, aufzustehen, sich fertig zu machen und gemeinsam mit seinen Geschwistern mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. Es war, als hätte er innerlich völlig zugemacht.
Wir waren völlig ratlos. Die Zahl der Fehltage stieg von Woche zu Woche, und mit jedem weiteren Fehltag wuchsen auch unsere Sorgen. Verzweifelt versuchten wir, die Ursache zu finden. Wir führten Gespräche mit der Schulpsychologin und unserer Kinderärztin und suchten händeringend nach einem Termin bei einem Kinder- und Jugendpsychiater. Doch überall waren die Wartelisten lang.
Inzwischen reagierte auch die Schule und ordnete eine Attestpflicht an. Doch wie sollten wir dieser nachkommen, wenn wir noch nicht einmal einen Kinderpsychiater gefunden hatten, der ein entsprechendes Attest ausstellen konnte? Wir fühlten uns in einem Teufelskreis gefangen.
Meine Arbeitstage verbrachte ich fortan gemeinsam mit meinem Sohn im Homeoffice. Während ich versuchte, meiner Arbeit nachzugehen, war ich gleichzeitig ständig auf der Suche nach Antworten. Ich versuchte immer wieder, mit ihm zu reden. Doch meistens schwieg er. Nur selten erzählte er mir, was in ihm vorging. Also beobachtete ich ihn, versuchte seine Signale zu verstehen und herauszufinden, was ihm den Weg in die Schule so schwer machte. Doch je mehr ich fragte, suchte und hinterfragte, desto deutlicher wurde: Eine einfache Erklärung gab es nicht. Bis heute kennen wir die Ursache nicht.
Als am letzten Schultag die Brotdosen und Pausenbrote vorbereitet werden mussten, war ich erleichtert. Nach all den anstrengenden Monaten wusste ich: Diese tägliche morgendliche Auseinandersetzung, dieses Hoffen, Reden, Überzeugen und manchmal auch Verzweifeln, würde für sechs Wochen ein Ende haben. Sechs Wochen lang würde ich nicht jeden Morgen aufs Neue mit der Frage aufwachen müssen, ob und wie mein Sohn und meinte Tochter den Weg zur Schule schaffen würden.
Jetzt, einige Tage nach dem letzten Schultag, genießen wir diese ungewohnte Leichtigkeit. Wir können wieder etwas unbeschwerter in den Tag hineinleben, ohne ständig den Druck von Terminen, Verpflichtungen und der nächsten schwierigen Schulsituation im Hinterkopf zu haben. Ich freue mich darauf, mich in den kommenden Wochen wieder mehr auf meine Arbeit in der Firma, die gemeinsame Zeit mit meinen Kindern und die schönen Momente als Familie konzentrieren zu können.
Doch die Erleichterung wird immer wieder von der Sorge begleitet, was nach den Ferien passieren wird. Denn die Sommerferien sind nur eine Pause. Eine Lösung für unser eigentliches Problem haben wir noch nicht gefunden.

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