Eine untalentierte Mutter versucht ihrem Sohn Latein beizubringen

Nachdem mein Sohn im September mit der ersten Sechs in Latein nach Hause kam, war mir klar, dass ich eine Entscheidung treffen musste.

Entweder ich versuche meinen Sohn „vorerst“ im Fach Latein durch die sechste Klasse (Gymnasium Bayern) zu schleifen, oder ich schlage ihm früher oder später vor, daß er doch lieber auf die Realschule wechseln solle.

Es war mir zu diesem Zeitpunkt bereits sehr klar, dass er es allein nicht schaffen wird. Ich hatte zwei Jahre zuvor das gleiche Problem mit meiner Tochter im Fach Französisch. Obwohl ich kein Wort französisch spreche, habe ich mich damals dazu entschieden mich Tag für Tag neben meine Tochter zu setzen, um ihr zu helfen. Wir hatten Erfolg. Meine Tochter schaffte es mit einer vier durch die sechste Klasse. In der Siebten musste ich kaum mehr unterstützen. Und jetzt in der Achten lernt sie komplett selbstständig.

Also entschied ich mich, es bei meinen Sohn mit Latein auch zu probieren. Ich habe von Latein keinen blassen Schimmer und bin zusätzlich sehr sprachuntalentiert. Des Weiteren hat mein Sohn eine diagnostizierte Rechtschreibschwäche. Gelinde gesagt keine guten Vorraussetzungen.

Ich setze mich nun fast täglich mit meinem Sohn zusammen und frage Vokabeln ab, gehe mit ihm Grammatik durch und korrigiere die Übersetzungen Satz für Satz. Dieses Unterfangen wird durch verschiedene Faktoren sehr erschwert. Mein Sohn kann sich nur sehr schlecht für Latein motivieren. Das kann ich verstehen. Der Unterricht ist sehr trocken. Das Lehrbuch ist aus meiner Sicht eine Katastrophe.
Kaum Beispielsätze zur Grammatik, weder Lösungen zu den lateinischen Texten, noch zu den Aufgaben. Wie soll mein Sohn so lernen? Wie soll ich ihn unterstützen? Mein Sohn ist gezwungen sich die Texte von Mitschülern, die  sauber mitschreiben, abzufotografieren. Er hasst es. Er selbst bekommt es nicht hin die Korrekturen der Texte, die er zu Hause übersetzen muss, im Unterricht lesbar mitzuschreiben. Vielleicht geht es ihm zu schnell. Vielleicht ist er auch einfach zu schludrig, da die Motivation zu wünschen übrig lässt. Wie auch immer. Die Lehrerin stellt die Lösungen auch nicht zur Verfügung.

Ich merke, daß mein Sohn den grundsätzlichen Willen hat in Latein durchzukommen, um an der Schule zu bleiben. Ich spüre seine Bemühungen sich fürs Vokabeln lernen zu motivieren. Es ist auch schon minimal besser geworden. Aber der Weg ist wahnsinnig weit.

Und ich frage mich, ob es richtig ist in dieses Thema so viel Zeit und Energie zu investieren. Denn sie fehlt an anderer Stelle. Wie oft musste ich meinen drei Kleinen in letzter Zeit sagen, daß ich jetzt keine Zeit habe? Wie viele Tage vergehen, an denen ich mir so gut wie keine Zeit für meine älteren Kinder nehmen kann. Ist das gerechtfertigt?

Warum müssen Eltern in Bayern so viel Zeit in die schulische Unterstützung ihrer Kinder stecken? Ist das tichtig? Nein definitiv nicht.

Wären meine Kinder benachteidigt, wenn ich mir die Zeit nicht nehmen würde? Vielleicht. Chancengleichheit kann man das jedenfalls nicht nennen.

Warum kommt die zweite Fremdsprache bereits in der Sechsten Klasse dazu? Warum haben die Schüler an Gymnasien in Bayern ausschließlich die Wahl zwischen Latein und Französisch?

Französisch kam für meinen Sohn mit seiner Rechtschreibschwäche nicht in Frage. Also blieb nur Latein. Was soll er mit dieser Sprache anfangen. Das Erlernen von Latein erscheint ihm und mir absolut sinnfrei.

Ihr merkt schon, zum Thema „bayrisches Schulsystem“ gibt es aus meiner Sicht viel Diskussionsbedarf.  Ich werde auf dieses Thema hier in diesem Blog sicherlich im Zusammenhang mit unseren Auslandsaufenthalten, bei denen  wir andere Schulsysteme kennenlernen  konnten, noch einmal zu sprechen kommen.

Meinem Sohn und mir bleibt wohl nichts anderes übrig als sich irgendwie durchzuboxen. Solange es bei der Fünf plus bleibt, die er bisher halten kann, besteht eine Chance irgendwann auf einen grünen Zweig zu kommen.

Bild KI generiert durch craiyon.com

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3 Antworten zu „Eine untalentierte Mutter versucht ihrem Sohn Latein beizubringen”.

  1. Avatar von Briganti

    Hallo,

    ich wohne in NRW, habe vier Kinder im Alter von 15-35 Jahre und besuche mit mehr oder weniger Freude seit 27 Jahren Elternsprechtage. Das Thema Lese-Rechtschreibschwäche gab es in dieser Familie auch, was dazu führe, dass ich vor ewigen Zeiten eine Ausbildung zur Legasthenietrainerin machte. Mittlerweile bin ich nicht mehr selbstständige und arbeite in einer Grundschule in der Betreuung.

    Ich bin gespannt auf deine Berichte.

    Liebe Grüße

    Britta

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  2. Avatar von happyhenni

    Toll, dass du dich so für deine Kinder einsetzt! Das machen nicht alle.

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    1. Avatar von Chaoshoch16

      Danke für Deinen netten Kommentar!

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